Wie unsere Zukunft wirklich aussehen könnte

Dystopien sind in! Millionen Zuschauer pilgern in die Kinos, um Jennifer Lawrence dabei zuzusehen, wie sie gegen die Ungerechtigkeiten der grauen Zukunft unserer Zivilisation kämpft. Auch Matrix, die wahrscheinlich berühmteste, moderne Dystopie, hat Filmgeschichte geschrieben und prophezeit der Menschheit ein schreckliches Schicksal. Also eigentlich nur, wenn man die falsche Pille schluckt. Ich habe nie verstanden, was der Unterschied zwischen dem echten Leben und dem imaginären Leben in der Matrix sein soll. Geschichtenerzähler von damals und heute beschreiben in dystopischen Fantasien ihre Ängste, die Erkenntnis der Unsicherheit und die Machtlosigkeit des Individuums gegen das vermeintlich Unausweichliche, sollten wir unser Verhalten nicht ändern. Aktuelle Realitäten werden kritisch beäugt, Angst vor Moderne und Fortschritt auf die Spitze getrieben und dem Mensch ein Spiegel für sein eigenes Handeln vorgehalten. Frei nach dem Motto: „Wenn wir nicht aufpassen, werden uns bald unsere iPhones beherrschen. Oder die Kandidaten im Dschungelcamp müssen sich gegenseitig ihre B-Promi-Köpfe einschlagen, nur zu unserer Belustigung.“

Was ist eigentlich eine Dystopie?

Die dystopische Gesellschaft ist also meist eine diktatorische Herrschaftsform mit äußerst repressiver, sozialer Kontrolle. In Matrix diktieren die Maschinen das gesellschaftliche Zusammenleben und soziale Interaktion wird gänzlich überflüssig. Die Matrix als absolute Kontrolle über soziales, menschliches Handeln, das in seiner Emotionalität, Irrationalität und Unvorhersehbarkeit für eine absolute Diktatur immer eine Bedrohung darstellt. Durch institutionalisierte, menschenverachtende Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen wird dem Individuum die Freiheit genommen. Jeder hat seinen Platz einzunehmen, zu gehorchen – sonst droht erbarmungslose Verfolgung. Die Bösen sind, wie so oft, die da oben, eine reiche, herrschende Klasse (Tribute von Panem), ein profitgieriges Unternehmen (Maze Runner) oder gar die sich verselbständigenden Maschinen in Matrix. Freiheit und Individualität als größtes Übel für das Funktionieren der dystopischen Gesellschaft, ihre Einschränkung als oberstes Ziel der dystopischen Exekutive.

Wofür benutzen wir Dystopien?

Die Erfahrungen mit unserer totalitären Geschichte wird verarbeitet, wenn wir, wie in Tribute von Panem, mutige Kinder gegen böse Medienunternehmen kämpfen lassen. Wir konstruieren uns den Helden, den es gebraucht hätte, und reden uns ein, wir wären dieser Held gewesen, wir hätten anders gehandelt, wir hätten uns gewehrt. Wir wünschen uns die Dystopie fast herbei, um das endlich beweisen zu können. Und dabei merken wir garnicht, dass wir anfangen unsere eigene Dystopie zu schreiben, deren Totalität eine perfide ist, eine, die uns insgeheim hoffen lässt, dass es jemanden geben muss, der uns Böses will, weil wir diesen definieren wollen, definieren müssen, für unseren Seelenfrieden. Doch es ist eben eine Totalität, die uns niemand aufzwingt, eine Totalität, die wir jeden Morgen selber wählen. Eine Totalität, nicht durch böse Diktatoren, eine Totalität, durch uns selber, eine, die in uns steckt.

Leben wir nicht schon in einer Dystopie?

Weil wir das nicht glauben wollen, brauchen wir die Bösen, die da oben, die Reichen, die profitgeilen Unternehmen. Doch sind die nur genauso böse, wie du, der in einem System handelt, das Individualität garantiert, aber Konformität provoziert. Zweifelsfrei ein fast unlösbares Dilemma, doch wird Anpassung oft belohnt, während Abweichen bestraft wird. In einer Gesellschaft, in der das Vereinen von Arbeit und Freizeit eines der höchsten Lebensziele ist, hat uns dazu keine Regierung gezwungen, sondern ein gesellschaftliches Klima lässt uns glauben, wir wollen das wirklich. Ein Klima, in dem wir denken, alles wird gut, solange wir uns konform verhalten. Doch wie frei sind wir dann noch, wenn es die Gesellschaft ist, die uns unser Verhalten diktiert? Eine Gesellschaft, die uns vorgaukelt wir dürften alles machen, was wir wollen, solange wir uns der Mehrheit beugen. Moralisch ist dann der, der sich anpasst, der sich an die vermeintlich selbstgewählten Regeln hält. Wir fangen an Menschen aufzuteilen in die, die funktionieren, und die, die es nicht tun. Da gibt es die Guten, die Fleißigen, die Demütigen, die Kontrollierten. Sie können verzichten und allen anderen zeigen, wie das geht. Wer das nicht will, ist ein schlechter Mensch, der hat keine Moral, der raucht, kauft manchmal keine Bioprodukte, ja vielleicht geht er sogar ungern zur Arbeit und gibt das auch noch zu. Der Schlechte, er handelt emotional, irrational und unvorhersehbar, er lässt sich manchmal von seinen Bedürfnissen leiten, er wird zu einer schlechteren Ressource in unserem produktiven, korrekten Kollektiv, das sonst doch so herzlos harmonisch funktioniert.

Wusstest du, dass Ausschlafen böse ist?

Vor Kurzem las ich eine Studie, die bewies, dass Ausschlafen am Wochenende ungesund sei. Irgendwas mit Biorhythmus, Insulin und Hormonen oder so. Hauptsache früh Aufstehen, natürlich auch am Wochenende. Ich höre schon die Absagen, wenn ich meinen nächsten Geburtstag in einem Club und nicht beim Brunch feiern will: „Sorry, ich kann nicht kommen, das bringt mein Biorhythmus durcheinander und am Montag bin ich dann wieder so müde auf der Arbeit.“ Zwei Jahre später werben Unternehmen in Berlin Mitte mit extra gemütlichen Schlafräumen für ihre Mittarbeiter, die den perfekten Schlaf garantieren. So mit Walgesängen, Yogaliegen und Feng Shui. Dann kann man freitags nach der Arbeit erst ins hauseigene Fitnessstudio und dann in den Firmenschlafraum. Am Montag ist man dann sicher der erste im Büro. Und wehe du hast am Wochenende ausgeschlafen – dann bist du schwach, ein schwacher Mensch. Spaß haben kann man trotzdem, dann geht man mit der ganzen Belegschaft auf diese furchtbaren Morningraves, die überall aus dem Boden sprießen. Hier kannst du abtanzen, morgens vor der Arbeit. Danach kannst du fit, gut gelaunt und motiviert Excel-Tabellen ausfüllen. Und das Beste: Du verschwendest keine produktive Arbeitszeit, denn so früh morgens würdest du eh nur schlafen, was unnötig und vor allem ungesund ist. Alkohol gibt es da natürlich nicht, dafür aber Yoga.

Die besten Dystopien schreibt doch immer noch das echte Leben

In dem Film Equilibrium, der sich stark an dem dystopischen Roman Fahrenheit 451 orientiert, werden Emotionen, Irrationalität und Genuss als größtes zu bekämpfendes Übel interpretiert. Die menschlichen Schwächen seien verantwortlich gewesen für einen dritten Weltkrieg. Die Menschheit wird gezwungen „Prozium II“ einzunehmen, ein Medikament, das alle zu gut funktionierenden Teilen der Gesellschaft macht. Es unterdrückt Emotionen, Irrationalität und – endlich – alles menschliche Handeln ist vorhersehbar und die Welt in Ordnung. In diesem Sinne: Die besten Dystopien schreibt doch immer noch das echte Leben.

Bild: Flickr // Jennifer Lawrence Films // Public Domain Mark 1.0

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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