Ich fotografiere, also bin ich – wie wir die Gegenwart verlernt haben

Wir haben die Gegenwart verlernt. Wir können nur noch Vergangenheit oder Zukunft. Schwelgen in Erinnerungen oder träumen von dem, was mal sein wird. Ich stehe auf dem Abschlussfeuerwerk des Mercè, des größten katalanischen Volksfests. Eine Woche Ausnahmezustand. Der Placa Espanya quillt über vor Menschen. Hunderttausende sind auf den Beinen, trinken gekühltes Estrella und blicken erwartungsvoll zu den Fontänen. Zehn Uhr abends, eine kurze Durchsage auf Katalanisch, die ich nicht verstehe, dann geht es los.

Wir sind zur Fotogesellschaft verkommen

Raketen donnern in den Nachthimmel und verwandeln ihn in ein farbenfrohes LSD-Spektakel. Das Problem: Keiner schaut hin. Ich mache mir die Mühe, auf Zehenspitzen über die Menschenmasse zu schauen und sehe tausende, hundertausende Handys. Samsung, Huawei, Apple, Sony – alles, was eine Kamera hat, wird in den Himmel gereckt, um das farbenfrohe Treiben am Himmel zu filmen oder zu fotografieren. Ich fotografiere, also bin ich. Wir sind zur Fotogesellschaft verkommen. Ein Feuerwerk ist kein Atompilz. Wir haben es schon unzählige Male gesehen. Es besteht kein Grund, das hundertunderste Feuerwerk aufzuzeichnen. Ein Feuerwerk muss man genießen. Die kurz aufflackernden Raketenschüsse sind pure Gegenwart, verglühen sie doch Sekunden später bereits wieder. Doch wir haben die Gegenwart verlernt. Wir versuchen sie lieber zur archivieren, festzuhalten, klammernd wie ein Kind, das seine Mutter partout nicht loslassen will. Wir sind zu Sklaven unserer digitalen Alter Egos geworden. Nur das, was wir filmen, fotografieren und posten, haben wir auch erlebt. Manchmal müssen wir damit aufhören. Wir müssen wieder lernen, wirklich zu erleben. Wir müssen die Gegenwart wieder zulassen.

 

Bild: Nils Langhans

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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