Wird unsere Gesellschaft an diesen beiden Stellen zerbrechen?

Reicher Norden, armer Süden – soweit nichts Neues in Europa. Doch eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung alarmiert: Das Nord-Süd-Gefälle ist nicht die einzige Gefahr, an der Europa zu zerbrechen droht.

Schweden Erster und Griechenland Letzter: Nord-Süd-Spaltung in Perfektion

Schweden, Dänemark, Finnland und die Niederlande führen das Ranking des Social-Justice-Index an. Die Krise ist zwar auch an diesen nördlichen Ländern nicht ganz spurlos vorübergegangen, aber im Vergleich zu den massiven Verschlechterungen in den südlichen Krisenländern sieht es im Norden nach Paradies aus. Griechenland hingegen hält die rote Laterne der Studie in der Hand: Mehr als ein Drittel (36%) der Bevölkerung sind von Armut oder sozialer Exklusion bedroht. Auch in Portugal (27,5%) und Spanien (29%) sieht es nicht wesentlich besser aus.

Alt gegen Jung: Ein neuer Graben tut sich auf

Dass die Kluft zwischen Nord und Süd weiter aufgeht, ist schon schlimm genug. Die Studie macht aber auch darauf aufmerksam, dass wir uns eine weitere Sollbruchstelle in unser Europa ritzen: Die soziale Gerechtigkeit verschiebt sich zu Gunsten der Alten und zu Lasten der Jungen. Seit 2007 werden die von Armut bedrohten Kinder immer mehr (von 26,4% auf 27,9%). In der gleichen Zeit hat sich bei den Älteren (ab 65 Jahren) die Lage von 24,4 auf 17,8 Prozent weiter entspannt. Letzteres ist gut. Ersteres nicht. Grund dafür ist, dass die Renten nicht so stark schrumpfen wie die Einkommen der Jungen. Unsere Generation muss mit den Konsequenzen der Krise klar kommen.

Was unserer Generation so schadet

Aber wieso trifft es gerade die Jungen, die die längste Zeit ihres Lebens noch vor sich haben und durchstarten wollen? Drei europaweite Trends treten die Generationengerechtigkeit mit Füßen:

Erstens bleiben zusätzliche Investitionen in Bildung aus. Seltsam, wenn doch jeder weiß, dass es das beste Rezept gegen soziale Ungerechtigkeit ist und zudem der einzige Rohstoff, den wir in Europa zur Verfügung haben. Leider sitzen wir nicht auf Öl oder Gasbubbles.

Zweitens hat sich während der Krise die Staatsverschuldung extrem erhöht. Diejenigen, die vor allem durch die leeren öffentlichen Kassen belastet sind, sind die Jungen. Gespart wird gerne da, wo man es nicht sieht – und was man heute definitiv nicht sieht, sind die Effekte von morgen.

Drittens macht es die Kombination aus Staatsverschuldung und demographischem Wandel für unsere junge Generation immer schwerer, die Alten zu versorgen. Immer weniger Junge müssen sowohl für immer mehr Ältere als auch für immer höhere Schulden aufkommen.

In Deutschland gibt es noch keinen Generationenkonflikt, aber die Weichen sind falsch gestellt

In Deutschland ist der Graben zwischen jung und alt noch nicht so tief wie in anderen EU-Staaten. Leider liegt hier die Betonung auf noch nicht. Noch werden die strukturellen Schwächen durch die wirtschaftliche Stärke überlagert. Das im Vergleich gute Abschneiden Deutschlands liegt hauptsächlich an der günstigen Arbeitsmarktsituation. Im Moment ist es auch für junge Menschen vergleichsweise einfach, einen Job zu finden. Geht es wieder bergab – was nicht zu hoffen, aber eben auch nicht auszuschließen ist – dann treffen die Folgen der Krise stärker die Jungen. Dank der „Rente mit 63“ hat Deutschland vor allem bei der Generationengerechtigkeit im letzten Jahr richtig versagt und 5 Plätze eingebüßt. Leider ging es auch bei Einkommensungleichheit, Bildungszugang und Armutsrisiko bergab.

Unsere Generation hat keine Lobby

Ja, es gibt sie: Unzählige Paper und Appelle von EU (Working together for Europe’s young people), ILO (Working with youth) und Parteien (eigentlich in jedem Grundsatzprogramm). Alle behaupten sie, man müsse sich auch um die Jugend kümmern. Das grundsätzliche Problem dabei: Papier ist geduldig, die Maßnahmen kann nicht die EU, sondern nur die Mitgliedsstaaten durchführen und gewählt wird man nicht von den 18 bis 30 Jährigen. Die sind nämlich dank demographischem Wandel in der Unterzahl. Bei der nächsten Wahl kann sich ein Rentengeschenk schon mal auszahlen.

Das ganze Gejammer bringt aber nichts. Unsere Generation muss den Älteren verklickern, dass wir gerne für sie sorgen, dass wir aber auch in die Lage dafür gebracht werden müssen. Vielleicht hilft ja dieser Appell an die Vernunft.

 

Zur Studie: Wie kann man soziale Gerechtigkeit überhaupt messen?

Einmal im Jahr berechnet die Bertelsmann Stiftung den EU-Gerechtigkeitsindex. Dabei wird soziale Gerechtigkeit in sechs Dimensionen Betrachtet: Neben Armut, Bildung und Arbeitsmarkt untersucht die Stiftung auch Generationengerechtigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Diskriminierung. Mit allen Daten wird dann ein Ranking der 28 EU-Mitgliedstaaten erstellt. Die ganze Studie kannst du hier downloaden.

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Track zum Text von Enkelschreck:

Bild: imcreator // Parker Knight // CC BY 2.0

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik Kaufmann

Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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