Wurstgate: Die Moral is(s)t mit das Schlimmste am Tisch

Da hat die WHO doch tatsächlich die Pelle platzen lassen. Das Fachblatt der Weltgesundheitsorganisation stellte fest, dass der Verzehr von verarbeitetem Fleisch, also gepökeltes, fermentiertes, geräuchertes oder durch andere Prozesse haltbar gemachtes Fleisch, Darm- oder Magenkrebs verursachen kann. Seitdem laufen sie wieder heiß, die Propagandamaschinen der Happa-Happa-Ideologen. „Ha, wir haben’s doch schon immer gewusst, dass ihr Scheiße esst, ihr widerwertigen Pferdeschänder!“ vs „Ihr abnormalen Rettichficker, sterbt doch alle an Unterernährung.“

Wie du isst Fleisch?

Es ist ein herbstlicher Sonntagmorgen in Freiburg. Der Nieselregen perlt von den frech zusammengebundenen Dreadlocks des Vorzeigehippies Henning. Henning ist linker Aktivist, verurteilt Sexismus und hat bereits mit 15 Jahren sein Taschengeld an den WWF gespendet. Henning ist auf WG-Suche in der am rasantesten wachsenden Stadt in Deutschland. Das ist nicht einfach, viele seiner KommilitonInnen wohnen bereits in Zeltstädten, doch heute hat er sein erstes WG-Vorstellungsgespräch in einer Kommune. Das Casting läuft außerordentlich gut. Nachdem Henning Foucault zitiert und seine Didgeridookünste unter Beweis gestellt hat, scheint ihn die 12-Köpfige Wohngemeinschaft ins Herz geschlossen zu haben. Doch plötzlich, the part where all went wrong! Henning berichtet von seiner Vorliebe für Bio-Lammfleisch. Ein Raunen geht durch den Sitzkreis, die ersten Rasseln fliegen gegen Hennings Kopf. „Ekelhafter Heuchler“, zwei Hände packen Hennings Fleecekapuze und zerren ihn die Treppe zum Hof herunter. Der Chai-Latte entgleitet aus den Händen des angehenden Ernährungswissenschaftlers. „Hätte er doch bloß den Mund gehalten.“ Henning fand in Freiburg keine Wohnung, brach nach 2 Monaten auf der Straße sein Studium ab und sitzt nun vorm Bio-Company Laden in der Sonnenallee und bewirft die Einkaufenden mit Sülzebrocken. Und die Moral von der Geschicht? Kommunen mögen Lämmer nicht!

Essen als Ideologie

Wozu diese unnötig lange Parabel zu Beginn eines Kommentars, der sich mit einer gesundheitlichen Aufklärungskampange der WHO beschäftigen möchte. Sie soll zeigen, dass Essen eine ziemlich ideologiebeladene Sache ist und dass es in diesem Text gar nicht so sehr um die Mitteilung der WHO geht, dass manche Karnivoren am Schinkenspeck verrecken werden, sondern vielmehr um „das große Ganze“. Ist es wirklich so wichtig alle Menschen von der einen oder anderen Ernährungsweise zu bekehren? Ist es eine WHO Gesundheits-Meldung wirklich wert, dass man zwei Wochen lang über nichts anderes mehr reden wird? Direkt und unvermittelt zerfetzen sich Vegetarier und Karnivoren, um den ewigen Kampf der Ernährungsideologien auszutragen. Im Netz und auf der Straße – ziemlich viel Hass. Vor dieser Diskussion ist keiner gefeit. Wer keinen Bock auf sie hat, dem wird sie ans Knie getackert. Denn schließlich isst ja jede/r und demnach hat auch jede/r eine Haltung einzunehmen. Pasta!

„Die Wurst des Todes tötet dich!“ Die medialen Propaganda-Kanonen der Happa-Happa-Ideologien richten sich mit aller Macht auf die Newsfeeds der Unentschlossenen. Wer bekehrt hier wen und wer hat Recht?! Während die taz hämisch den Veggie-Day aus der Wahlkampf-Gruft der GRÜNEN zaubert und über Warnhinweise, ähnlich den „Schwarze-Lungen Pics“ auf Zigarettenpackungen, auf Wiener Würstchen Verpackungen nachdenkt, kontert die WELT mit der getrieben-nervigen Art eines petzenden Drittklässlers. „Ha, nehmt das ihr Vegetarier! Ihr esst eigentlich kein Soja, sondern Menschenfleisch! Muhaha!“

Lasst das Essen einfach mal das Essen sein

Wozu der ganze Mist? Warum müssen sich immer noch so viele VegetarierInnen auf Familienfeiern einer generationsübergreifenden Intervention stellen und erklären, dass Fische auch aus Fleisch bestehen. Nur um am Ende doch wieder das einzige fleischlose Gericht auf der Karte des gutbürgerlichen Gasthauses zu bestellten – den Nachtisch. Warum muss sich ein Fleischliebhaber an den Supermarktkassen im Prenzelberg immer noch moralapostolischen Schmähungen aussetzen? Ist es allmählich nicht mal gut? Darf bald mal jede/r essen was er oder sie essen mag? Es ist doch schließlich scheißegal ob in Niedersachsen aus Versehen ein paar Klepper zu viel in die Lasagne geschreddert wurden oder eine Mathematik-Bachelorabsolventin die wahren C02-Schäden durch den Sojaanbau in Süd-Amerika ermitteln konnte. Und ja – auch wenn jemand aufgrund seines widerlichen Fraßes sterben sollte – dann ist‘s halt so. Ich hätte da einen Wunsch: Schaut doch alle beim nächsten Lebensmittelskandal auf euren eigenen Teller, genießt eure Mahlzeit und haltet die Fresse. Beim Essen wird nicht geredet und agitiert schon gar nicht!

 

Bild: Torben Lehnig

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Post vom Müssiggang Magazin

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Torben Lehning

Torben Lehning

Torben braucht Aufmerksamkeit. Wenn er nicht gerade wildfremde Menschen in der U-Bahn anquatscht, ist er auf Open Stage-Bühnen oder in kruden Internetforen anzutreffen. Haltungen zeigen, Meinungen vertreten, Kommentarspalten bekriegen! „Einer muss es ja mal sagen!“ Und wer könnte die Zusammenhänge dieser Welt wohl besser erklären, als ein scharfsinniger Mittzwanziger aus Kassel, der irgendwas mit Medien studiert hat?
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