Wieso es Zeit für #Nathan ist

Angetrieben von den aktuellen welt- und regionalpolitischen Ereignissen hat sich das Müßiggang Magazin zum Schauplatz von Lessings #Nathan der Weise aufgemacht. Auf der Reise nach Jerusalem ist dem Autor aufgefallen, dass sich seit Ende des 12. Jahrhunderts so viel ja gar nicht geändert hat und doch alles anders ist. Außerdem steckt in Lessings Meisterwerk noch so viel mehr als die Ringparabel.

Von München über Istanbul nach Tel Aviv. Schon die Anreise verläuft entlang der drei monotheistischen Weltreligionen. In den drei Städten merkt man zwar nur bedingt den Einfluss der Glaubensrichtungen, aber dieser Eindruck sollte sich bald ändern. Im Handgepäck liegt neben den üblichen Reiseutensilien auch ein altes, vergilbtes, gelbes Reclamheft und nein, liebe Security am Flughafen, wirklich keine Handfeuerwaffe. Wenn man dann dieses Stück, insbesondere aber die Ringparabel liest, versteht man schnell, wieso es als zentraler Text der Aufklärung gilt. Nathan ist nicht im göttlichen, sondern im vernünftigen Sinne weise. In einem reflexhaften Anflug von Naivität und Arroganz ist man schnell geleitet zu denken: Seht her, ist doch gar nicht so schwierig. Vertragt euch doch. Der alte Nathan hat doch schon alles gesagt. Dann setzt die Maschine auf – Willkommen am Ben Gurion Flughafen von Tel Aviv.

Schade, dass Nathan ein Märchen bleibt

Es ist schon fast unheimlich, mit welcher messerscharfen Präzision Lessing seine Zukunft und unsere Gegenwart antizipiert. Er differenziert zum Beispiel zwischen Christen und Tempelrittern – sozusagen zwischen normalen Gläubigen und Extremisten. Leider vermisst man heute diese Trennschärfe, wenn wieder einmal wild zwischen Islam und Islamismus gewechselt wird, als handele es sich um Synonyme. Tragischer werden Lessings Zeilen aus dem 18. Jahrhundert, wenn der Ausruf des Patriarchen „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“ sofort grauenvolle Assoziationen mit dem Holocaust hervorruft. Natürlich muss man diese Fragmente im Gesamtkontext betrachten, aber auch der einleitende Satz der Ringparabel lässt schon vermuten, dass aus den vernünftigen Gedanken zunächst mal nichts wird: „Nicht die Kinder bloß, speist man mit Märchen ab“. Es wäre auch märchenhaft schön gewesen, würden alle Gläubigen danach streben, „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu wirken. Die Realität ist eine andere. Leider.

Es ist heiß an diesem Freitagvormittag im Juli 2015. Wir machen uns von unserem Hostel, von dessen Dachterasse man über die halbe Stadt blicken kann, zum Tempelberg auf. Kein anderer Ort der Welt hat für alle drei Religionen eine so große Bedeutung. Im Islam ist der Tempelberg nach Mekka und Medina die drittheiligste Stätte. Von hier soll der Prophet Mohammed in den Himmel aufgestiegen sein. Nach christlicher Überlieferung ist der Tempelberg der von Gott erwählte Berg, auf dem Abraham auf Gottes Geheiß seinen Sohn Isaak opfern sollte. Die Juden wiederum beten an der Klagemauer, den Überresten der Stützmauern, die einst das künstlich erweiterte Plateau des zweiten Tempels trugen. Hört sich nach einer Blaupause für das Zusammenleben der drei Weltreligionen an, nach guter Nachbarschaft. Die Hoffnung verflüchtigt sich schon, als wir im Strom der zum Freitagsgebet eilenden Muslime von drei schwerbewaffneten israelischen Soldaten – wahrscheinlich alle jünger als wir – aus der Menschenmenge gefischt werden. Alle Touristen oder Nicht-Muslime werden an der Gabelung zur Arab Street herausgefiltert und müssen eine andere Route Richtung Tempelberg nehmen. Sicherheitsmaßnahme. Richtung Tempelberg ist auch etwas irreführend, weil man am Freitag und Samstag gar nicht auf den Berg kommt (der von der Waqf Stiftung weitestgehend autonom verwaltet wird), sondern bloß bis zur Klagemauer. Die wiederum ist nur nach ausführlichen Sicherheitskontrollen zu erreichen. Der Theatermacher Christian Stückl hat in seiner neuen Inszenierung am Münchner Volkstheater Lessings utopischen Schluss gestrichen. Dieses Bild, in dem sich Juden, Christen und Muslime in die Arme fallen, ist an keinem Ort so nah und doch so fern wie in Jerusalem.

Zeit für Nathan

Und jetzt? Was hast das überhaupt mit Deutschland zu tun? Was machen mit #Nathan dem Weisen? Na klar, ab mit ihm in den Literaturkanon der Lehrpläne, neue Interpretationen in Film und Theater uns so weiter, und so fort. Die Botschaften von Toleranz und Aufklärung sind ja eine tolle Sache. Aber wen erreichen Sie noch? Es reicht einfach nicht mehr, dass sich der geneigte Theaterabonnent am Samstagabend bei gekühltem Chardonnay und Häppchen in moralischer Überlegenheit suhlt, während draußen die Welt hohl dreht. Lessing hat mit Theater und Zeitung die modernsten Medien seiner Zeit gewählt. Damit erreichte er seine Zielgruppe: Das neu entstandene Bürger- und Beamtentum. Sie waren es, die die Gesellschaft beeinflussten und den Wandel der Aufklärung vorantrieben. Aber das 18. Jahrhundert ist vorbei und der Diskurs in den neuen, sozialen Medien zu oft von Polemik, Hass und Hetze bestimmt. Hashtag #Nathan geht nicht viral. Aber auch hier gibt uns #Nathan einen guten Rat, er ruft zum Handeln auf:

[…]Begreifst du aber,
Wie viel andächtig schwärmen leichter, als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
Andächtig schwärmt, um nur, – ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt –
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?

Bevor wir also nach dem dritten Glas Wein unqualifizierte Lösungsvorschläge für den Nah-Ost Konflikt dahinsabbeln und uns wundern, dass die Lage immer noch angespannt ist, sollten wir vielleicht mal hier bei uns anfangen. Im Alltag degeneriert der Toleranzbegriff mehr und mehr zurück zu seinem wörtlichen Ursprung. Lateinisch tolerare heißt nur so viel wie erdulden oder ertragen. Dass es an sich viel zu wenig ist, andere Menschen nur auszuhalten, liegt auf der Hand. Dieser Tage scheint es aber, als seien wir nicht mal mehr dazu bereit. Von „Schotten dicht machen“ bis hin zu Lessings Toleranzideal ist es auch im Abendland wieder ein langer Weg geworden. #Nathan könnte das Stück der Stunde sein.

Als wir in München landen ist das kleine Reclam Heft noch abgewetzter und erste Seiten lösen sich aus der Bindung. Zeit für #Nathan.

 

Bild: askii über CC BY-SA 2.0

Lessing in 12 Minuten:

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik Kaufmann

Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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