Bombt sich die Demokratie den Weg zum ewigen Frieden frei?

Ja, sie widersprechen sich, die Sehnsucht nach Frieden und die Bereitschaft zu Kriegen. Und trotzdem sind sie beide dominierende Muster menschlichen Zusammenlebens. In den letzten Wochen haben sie im Angesicht terroristischer Anschläge einmal mehr an Bedeutung gewonnen. Die Idee von Frieden durch Krieg ist eigentlich ziemlich pervers – aber wie gesagt – leider ertappen wir uns bei diesem zerstörerischen Reflex nicht zum ersten Mal. Da lohnt es sich doch nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Frieden ohne Krieg erlauben. Aber ist das überhaupt möglich? Gibt es Wege zum ewigen Frieden? Er hat es mal versucht, diesen Weg zu skizzieren. Und das gar nicht so schlecht. Denn wären die Gedanken und Schritte so verkehrt, wäre Kants Zum ewigen Frieden sicherlich in Vergessenheit geraten. Ist es aber nicht. Motivation genug, sich einen Grundgedanken des Werks einmal genauer anzuschauen.

Hilft die Republik gegen Krieg?

Wir neigen dazu republikanisch gleich mal mit demokratisch gleichzusetzen. Und das können wir heute auch genauso tun. Kant war da noch etwas in seiner Zeit verhaftet, in der bei Basics wie der Gleichheit vor dem Gesetz zunächst einmal Männer gemeint waren. Außerdem ging es ihm bei republikanisch hauptsächlich um die Gewaltenteilung. Das ist auch keine schlechte Sache! Wieso Demokratien nach Kant weniger kriegsgeil sind, ist aber der wirklich interessante Gedanke an der Forderung, „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein.“ Die Logik ist recht einleuchtend: In dem Moment, in dem das Volk mitentscheiden kann, ob ein Land in den Krieg zieht, wird Krieg unwahrscheinlicher. Begründung hierfür ist das menschliche Bedürfnis nach Frieden, Wohlstand und körperlicher Unversehrtheit. Wenn ein König entschied in den Krieg zu ziehen, hat sein Volk mit Sicherheit darunter gelitten, er selbst wohl aber kaum. Entscheidet das Volk, vermeidet es Leid und entscheidet sich gegen den Krieg.

Mehr Demokratie durch mehr Krieg?

Das Konzept ist so einleuchtend, dass es zur Democratic Peace Theory weiterentwickelt wurde. Doyle hat Kants Gedanken in den 1980ern aufgegriffen und damit eine breite Diskussion angestoßen. Sind Demokratien tatsächlich friedfertiger als weniger liberale Regime? Unabhängig davon, wie man eine Demokratie genau definiert (Wahlen, regelmäßiger Regierungswechsel, Menschrechte usw.), zeichnet sich ein Trend ab: Demokratien sind keineswegs kriegsscheu. Sie neigen aber dazu, sich nicht gegenseitig zu bekriegen, sind aber sehr aggressiv gegenüber nicht-demokratischen Staaten. Was heißt das jetzt für den Frieden? Der würde nur mit mehr Demokratien stabiler. Und wie kommt man zu mehr Demokratien? Leider bisher mit Krieg. Also meistens. In Europa haben wir uns Jahrhunderte lang die Köpfe eingeschlagen, bevor die stabilen Demokratien von heute entstanden sind und selbst die USA sind durch einen Unabhängigkeitskrieg entstanden. Hört sich ein bisschen nach Teufelskreis an. Gut, dass uns die positiven Beispiele aus Indien, vom Ende des Kalten Kriegs oder zuletzt aus Tunesien zuversichtlicher Stimmen können.

Wieso das mit dem demokratischen Frieden heute nicht mehr funktioniert

Ein weiteres Problem für die Grundidee des demokratischen Friedens ist, dass Krieg kaum mehr große Bevölkerungsteile betrifft. Selbst wenn „wir“ in den Krieg ziehen, betrifft es „uns“ kaum. Zum Glück sinken die Opferzahlen – zumindest auf Seiten der hochgerüsteten Armeen. Die Luftangriffe lassen sich bequem vom Sofa aus beobachten. Im Gegensatz zum traumatisierten Drohnenpiloten hat der Normalbürger im Kriegsfall kaum etwas zu befürchten. Diese Entkoppelung vom Leid des Kriegs untergräbt den Weg zum ewigen Frieden. In den Demokratien dieser Welt leiden sozusagen zu wenige unter den Folgen des Krieges. Abgesehen davon, kann Krieg auch ein notwendiges Übel sein. Wenn wir Massenmorde verhindern können, ist es durchaus die Pflicht, andere zu schützen. Genauso sollten wir uns wehren, wenn wir angegriffen werden. Zu einer liberalen Demokratie gehört es aber auch, zu überlegen, was wir damit auslösen, wie wir zukünftige Konflikte vermeiden und ob das vermeintliche Feuerlöschen doch nur Öl in die Flammen gießt.

Track zum Text:

Bild: Flickr // AK Rockefeller // CC BY 2.0

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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