Zwischen Genie und Wahnsinn – wie narzisstisch darf der Künstler sein?

Der Müßige Gedanke der Woche dreht sich heute um die Frage, wie narzisstisch ein Künstler sein darf. Zeitgenössisches Anschauungsmaterial bietet Markus Lüpertz (74), einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler.

Mehr Selbstbewusstsein geht nicht

Das sieht nicht nur die Kunstwelt so, nein, auch Markus Lüpertz selbst ist davon ziemlich überzeugt. Fragt man ihn im Interview, ob er eine Epoche geprägt habe, antwortet er nonchalant „Davon bin ich fest überzeugt.“ Überhaupt offenbart das Interview, das Lüpertz kürzlich mit dem Handelsblatt führte, viel von seinem bekennerisch nach außen getragenen Genie, seinem Dandytum, das nicht stärker polarisieren könnte als in folgendem Frage-Antwort-Spiel: „Sind ihre Kinder denn auch Künstler?“ „Nein, ein Genie in der Familie reicht.“

Hassliebe

Liest man über Lüpertz, schwankt man zwischen ehrfurchtsvoller Bewunderung und tiefer Verachtung.Bewunderung für dieses Selbstbewusstsein, für sein großartiges Werk und dafür, dass er nicht nur gut mit Pinsel und Farbe, Hammer und Meißel umgehen kann, sondern auch noch so wortgewandt und weltklug darüber berichtet. Sympathisch will er einem dennoch nicht so recht werden. „Arroganter Schnösel“, schoss es mir durch den Kopf, als ich das Interview gelesen habe. Man will keinen Kaffee mit ihm trinken. Und er passt so gar nicht in Zeiten, in denen Anstand und Sitte eine Renaissance erleben und wir die Bescheidenheit wieder zur Tugend erheben.

Wir brauchen die Exzentriker

Am Ende überwiegt dennoch Begeisterung. Für die zur Schau gestellte Genialität, dafür, dass er so gar nicht in diese Zeit passt und deshalb so enorm hervorsticht. Wir brauchen Genies, die sonderbare Dinge erschaffen, die in ihrer Exzentrik ehrverletzend für den Ottonormalverbraucher sind. Wir müssen sie nicht mögen, aber wir brauchen sie. Sonst haben wir nur noch Ottonormalverbraucher.

Bild: Yann Caradec über CC BY-SA 2.0

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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